Baumbiologie & Anatomie

CODIT-Modell

Ein verletzter Baum wächst nicht zurück wie unsere Haut. Statt zu heilen, riegelt er das geschädigte Holz dauerhaft ab. Dieses Prinzip beschreibt das …

8 Min. Lesezeit Baumbiologie & Anatomie Trier & Luxemburg

Ein verletzter Baum wächst nicht zurück wie unsere Haut. Statt zu heilen, riegelt er das geschädigte Holz dauerhaft ab. Dieses Prinzip beschreibt das CODIT-Modell – und es erklärt, warum jeder Schnitt am richtigen Ort sitzen muss.

Steht fürCompartmentalization Of Decay In Trees
BegründerDr. Alex L. Shigo
PrinzipAbschotten statt heilen
Schutzvier Wände (Wand 1–4)

Heilen oder abschotten?

Der US-Baumforscher Alex Shigo zerlegte in den 1970er-Jahren tausende Bäume und entdeckte: Holz, das einmal verletzt ist, wird nie wieder gesund. Der Baum kann beschädigtes Gewebe nicht reparieren – er kann es nur einkapseln. Englisch: compartmentalization, daraus das Akronym CODIT.

Der Baum opfert also das befallene Holz und zieht Schutzgrenzen um die Wunde. Gleichzeitig überwächst er die Schnittfläche von außen mit Kallusgewebe (Überwallung). Was wie „Heilung“ aussieht, ist in Wahrheit ein Abschotten plus Überwallen.

Voraussetzung: der Aufbau des Holzes

Um die vier Wände zu verstehen, hilft ein Blick in den Stamm. Holz ist kein homogener Block, sondern ein gerichtetes System aus Leitbahnen, Jahrringen und radialen Markstrahlen.

StammquerschnittKonzentrische Holzschichten von der Borke bis zum Kernholz mit Beschriftung.Aufbau eines StammquerschnittsBorke / AußenrindeBorke schützt vor Frost, Hitze & SchädlingenBast (Phloem)Bast: leitet Zucker aus den BlätternKambiumKambium: bildet alles DickenwachstumSplintholzSplintholz: leitet Wasser nach obenKernholzKernholz: gibt Festigkeit, oft fäuleresistentastrein-trilux.de
Der gerichtete Aufbau des Holzes bestimmt, wie gut der Baum abschotten kann.

Genau entlang dieser Strukturen errichtet der Baum seine Barrieren – mal stärker, mal schwächer.

Die vier Wände der Abschottung

CODIT ModellStammquerschnitt mit den vier Abschottungswaenden nach dem CODIT-Modell von Shigo.CODIT – Abschottung in vier WändenWand 1bremst die Ausbreitung längs (nach oben/unten) – am schwächstenWand 2verhindert das Vordringen nach innen zum KernWand 3begrenzt seitlich über die MarkstrahlenWand 4der neue Jahrring kapselt alles Befallene nach außen ab – am stärkstenDer Baum „heilt“ nicht – er riegelt das geschädigte Holz dauerhaft ab.astrein-trilux.de
Die vier Abschottungswände begrenzen die Fäule in alle Richtungen – Wand 4 ist die stärkste.

Warum kleine Wunden entscheidend sind

Die Abschottung kostet den Baum Energie und gelingt nur bis zu einer gewissen Wundgröße. Eine kleine, runde Schnittfläche am Astring wird zügig abgeriegelt und überwallt. Eine große, ausgefranste Wunde – etwa nach einer Kappung – überfordert das System: Fäulepilze sind schneller als die Schutzwände, und die Fäule wandert in den Stamm.

Was die Abschottung schwächt

Nicht jeder Baum schottet gleich gut ab. Geschwächt wird die Fähigkeit durch:

Was das für die Praxis bedeutet

Aus CODIT folgen drei klare Regeln für jeden Schnitt:

Häufige Fragen

Heilt ein Baum seine Wunden?

Nein. Ein Baum kann verletztes Holz nicht reparieren. Er schottet es nach dem CODIT-Prinzip in vier Wänden ab und überwächst die Schnittfläche von außen mit neuem Gewebe.

Sollte man Wundverschlussmittel auftragen?

In der Regel nein. Flächiges Verstreichen kann Feuchtigkeit einschließen und Fäule fördern. Der Baum schottet selbst ab. Nur in Sonderfällen werden Wundränder behandelt.

Wie groß darf eine Schnittwunde sein?

So klein wie möglich. Je kleiner der Durchmesser und je sauberer der Schnitt am Astring, desto zuverlässiger gelingt die Abschottung. Große Wunden überfordern das System.

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