Ein Apfelkern wird nie wieder denselben Apfel hervorbringen. Wer eine bestimmte Sorte erhalten will, muss veredeln – die Jahrtausende alte Kunst, Sorte und Wurzel gezielt zu verheiraten.
Warum überhaupt veredeln?
Obstsorten sind nicht samenecht: Sät man die Kerne eines „Boskoop“ aus, wächst kein Boskoop, sondern ein wilder Sämling mit unbekannten Früchten. Um eine Sorte unverändert zu vermehren, überträgt man ein Stück der Mutterpflanze – das Edelreis – auf eine wurzeltragende Unterlage. So bleiben Geschmack, Ertrag und Aussehen erhalten.
Die Unterlage bestimmt zugleich die Wuchsstärke: ein Sämling für den mächtigen Hochstamm, eine schwachwüchsige Typenunterlage für die kleine Spindel.
Das Geheimnis: Kambium auf Kambium
Verwachsen können Edelreis und Unterlage nur, wenn ihre teilungsfähigen Schichten – das Kambium – direkt aufeinandertreffen. Genau dort bildet sich das Verbindungsgewebe. Liegt das Kambium daneben, scheitert die Veredelung.
Die wichtigsten Methoden
- Okulation („Äugeln“): Im Sommer wird ein einzelnes Auge (eine Knospe) unter die T-förmig geöffnete Rinde der Unterlage geschoben. Materialsparend und die Standardmethode der Baumschulen.
- Kopulation: Im Winter werden gleich starkes Edelreis und Unterlage schräg gegengeschnitten und verbunden; mit Gegenzunge spricht man von der „englischen Kopulation“.
- Pfropfen / Rindenpfropfung: Für dickere Unterlagen oder die Umveredelung alter Bäume, bei der Reiser in Spalt oder Rinde gesetzt werden.
Die Unterlage steuert den Baum
Welche Unterlage gewählt wird, entscheidet über das ganze Baumleben:
| Unterlage | Wuchs | Form |
|---|---|---|
| Sämling | stark | Hochstamm, Streuobst |
| mittelstark (z. B. MM 111) | mittel | Halbstamm, Hausgarten |
| schwach (z. B. M 9) | schwach | Spindel, Erwerbsanbau |
Für die langlebigen Hochstämme der Streuobstwiese sind starkwüchsige Sämlingsunterlagen die richtige Wahl.
Worauf es in der Praxis ankommt
- Sauberes, scharfes Werkzeug – glatte Schnittflächen verwachsen besser.
- Schnelles Arbeiten, damit die Schnittflächen nicht austrocknen.
- Festes Verbinden (Veredelungsband) und Schutz vor Austrocknung.
- Sortenwahl mit Bedacht: Wer alte Lokalsorten erhält, sichert Vielfalt und Robustheit – ein Kernanliegen der Streuobstpflege.
Häufige Fragen
Warum kann man Obstsorten nicht über Kerne vermehren?
Weil Obstsorten nicht samenecht sind: Aus dem Kern wächst ein zufälliger Sämling, nicht die Muttersorte. Nur die Veredelung – das Übertragen eines Edelreises auf eine Unterlage – erhält die Sorte unverändert.
Was ist der Unterschied zwischen Okulation und Kopulation?
Bei der Okulation wird im Sommer ein einzelnes Auge unter die Rinde der Unterlage gesetzt. Bei der Kopulation werden im Winter gleich starkes Edelreis und Unterlage schräg gegengeschnitten und verbunden.
Welche Unterlage eignet sich für einen Hochstamm?
Für langlebige Hochstämme auf der Streuobstwiese werden starkwüchsige Sämlingsunterlagen verwendet. Schwachwüchsige Typenunterlagen sind dagegen für kleine, früh tragende Spindeln gedacht.